Die katholische Kirche von Görkau
- St. Aegidius -

von Emil Siegert und Jürgen Schmidt, GFK,
Inschriften und Fotos ergänzt durch J. Schmidt im Juli 2012 und Februar 2015 u.16


Görkau wird auch heute noch, nach vielfältiger und oft unverständlich städtebaulicher Veränderungen des Stadtbildes und nach all den Jahren der Vertreibung fast aller deutschen Bewohner nach 1945/46, von der Dekanalkirche St. Aegidius beherrscht.


Sie ist das älteste Baudenkmal der Stadt und steht in deren Zentrum zwischen dem Kirchplatz und der ehemaligen Hauptstraße. Um 1300 (lt. Frind`s Kirchengeschichte) wurde die Kirche gebaut. Beim Neubau um 1538 (im spätgotischen Stil) wurden ältere Teile des Gebäudes mit einbezogen. Der Turm wurde 1540-45 angebaut und 1583 überdacht. Zu dieser Zeit kamen die ersten lutherischen Pastoren nach Görkau und die Kirche wurde 1590 renoviert. Wenige Jahre darauf erfolgte im Rahmen der Gegenreformation in Böhmen wieder die Einsetzung römisch-katholischer Pfarrer. Eine Erweiterung der Kirche mit einem Umbau in den Barockstil erfolgte 1650. Gegen 1660 baute man an die Südseite des Kirchenschiffes die halbkreisförmige "Rothenhauser Kapelle" an. 1748 folgte der Anbau einer weiteren Kapelle an der Nordseite neben dem Turm (Hl. Johannes Nepomuk) und etwa 50 Jahre später kam eine neue Orgel in die Kirche.

Es folgten mehrere Renovierungen und Ausbesserungen an und in der Kirche. Im vergangenen 20. Jahrhundert (1919 und bis 1945) durch die deutsche Bevölkerung; 1947 wurde der Innenraum und zu Beginn der 1990er Jahre der Außenanstrich erneuert. Dazu kamen Veränderungen im Innern auf Grund der Liturgiereform.

Die römisch-katholische Dekanal- oder Stadtkirche St. Aegidius zeigt sich heute als einschiffige Hallenkirche mit einem vieleckigen Altarraum und einem Kappengewölbe mit Gurten. Außen ist sie durch Stützpfeiler verfestigt. Ihre Fenster sind einfach, ohne Maßwerk. Das spätgotische Hauptportal befindet sich in der Westfassade. Die zwei Kapellen und der Turm treten seitlich hervor. Der Turm ist 3stöckig, hat einen Umgang, eine Uhr und eine Kuppel mit Laterne. Mehrere Glocken (Weihe am 6.4.1924) befinden sich noch im Turm und läuten zu den Gottesdiensten. Dieser Turm gilt, wie zahlreiche andere Kirchtürme in Böhmen und Mähren auch, als Stadtturm und ist Eigentum der Kommune. Er kann bestiegen werden. Die Glocken, sowie das Kirchengebäude und das Pfarrhaus sind Eigentum der Pfarrei. Das Innere der Kirche wurde im 18. Jahrhundert mit einem Barockaltar ausgestattet. Der Altar mit dem Tabernakel und der überragenden Darstellung des knienden Hl. Aegidius wird von einer recht großen Säulenarchitektur eingefaßt. Das Altarbild stellt die Geburt Christi dar. Zwischen den Säulen des Altares befinden sich die Stauen der Heiligen: Klemens, Ambrosius, Wenzeslaus (Wenzel) und Vitus (Veit). Nach den Festlegungen der Liturgiereform (1964) ist auch in der Görkauer Dekanalkirche ein zusätzlicher freistehender "Volksaltar" in ähnlicher Säulenarchitekur im Altarraum aufgestellt worden, damit der Priester den Gläubigen zugewandt die Hl. Messe feiern kann.

An den Wänden vor dem Altarraum befinden sich rechts der Herz-Jesu-Altar und links der Marien-Altar. Darüber sind jeweils Schriftzüge angebracht; vor 1945 in Deutsch, heute in Tschechisch. Leider führten unsere Nachfragen zu den alten deutschen Inschriften bei der Pfarrei in Görkau/ Jirkov, bei der Konservatorin des Bistums Leitmeritz / Litomerice und bei alten Görkauer Landsleuten bisher nicht zum erhofften Erfolg. Es gab nur "Bruchstücke" der Erinnerung. Beim Treffen des GFK 2012 fanden sich in einem Extrablatt der jährlichen Zeitschrift die alten Inschriften. Allerdings ohne fotographischen Beleg. Durch das Bemühen von Frau Inge Glöckner vom GFK konnten zwei alte Fotos gefunden werden, die diese alten Texte belegen.

    


St. Aegidius Görkau (Hochzeitsbild mit alten Inschriften)


St. Aegidius Görkau, Altar mit alten Inschriften

Diese alten Inschriften, deren Entstehungsdatum leider bisher nicht bekannt ist, waren für unsere Vorfahren tröstende Glaubensaussagen; sie können es aber auch für die heutige Generation sein.

Die gegenwärtigen tschechischen Inschriften lauten:

linke Seite; Marienaltar:
BUĎ MATKOU LIDU SVÉMU A NEOPOUŠTĚJ JEJ !
Sei Mutter deines Volkes und verlasse es nicht !


rechte Seite (Herz-Jesu-Altar):
PŘIJĎ KRALOVSTVÍ TVÉ DO ČESKÝCH RODIN !
Dein Reich komme in die tschechischen Familien !


Die neuen, tschechischen Inschriften sind nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung durch Übermalen der historischen Texte angebracht worden. Die Übersetzungen ins Deutsche erfolgten sinngemäß, aber nicht wörtlich. Sinn und Inhalt dieser neuen Gebets-Inschriften läßt die heutige Situation der katholischen Kirche in Tschechien erkennen.

Noch weitere Heiligenfiguren und Bilder befinden sich in diesem Gotteshaus und in den angebauten Kapellen. Erwähnenswert ist auch das kunstvolle Epitaph des Christoph von Carlowitz (kniender Ritter).

Die hintere und die seitlichen Emporen ruhen auf Säulen mit Kreuzkammgewölben. Orgel und Kanzel sind künstlerisch weniger bedeutend.

In der "Rothenhauser Kapelle" befindet sich ein Altar mit einem Bild "Opferung Marias", der Taufstein und die Gruft mit den Grablegen einiger adliger Familienmitglieder von Schloß Rothenhaus; z.B. von Rottenhan und Buquoy. Das sandsteinerne Doppelwappen gehört dem spanischen Adelsgeschlecht von Parcent (links) und dem Haus Scholtz -- Hermensdorff.

Zum Patron der Kirche:

Der Heilige Aegidius wurde um 640 in Griechenland geboren und starb etwa 720. Er war griechischer Kaufmann und später Benediktinermönch und Abt von Saint-Gilles in Südfrankreich. Er ist einer von den Vierzehn Nothelfern und war im Mittelalter sehr populär. Im deutschen Sprachraum ist er unter verschiedenen Namen und Schreibweisen bekannt: Aegidius, Ägidius, Egydius, Ilgen, Gilgen, Gilgian u.a.; im Tschechischen wird er Svaty Jilji genannt. In Abbildungen wird der Hl. Aegidius als Einsiedler oder Mönch dargestellt mit einem Krummstab und in Begleitung einer Hirschkuh. Sein Festtag ist der 1. September.

(Foto: Statue des Hl. Aegidius in der Pfarrkirche Oberbuch/Bayern)
Die Pfarrei Görkau war seit dem 22. Dezember 1783 Dekanalamt und wurde durch einen Dechant bzw. Erzdechant geleitet. Es waren mehrere Kapläne angestellt, die teils die "eingepfarrten" umliegenden Ortschaften (z.B. Pirken, Weingarten, Hannerdorf, Türmaul, Ojes, Kaitz, Udwitz) als Lokalkapläne betreuten.

1938 gehörten mehr als 5000 deutsche Katholiken zur Pfarrei. Der damalige und auch letzte Dechant war Dr. Eduard Buder. Er hat sich in den Nachkriegsmonaten um seine Gemeindeglieder besonders gesorgt und wurde im November 1946 ebenfalls aus Görkau vertrieben. Er bemühte sich bis zu seinem Tod 1961 auch weiterhin um seine Görkauer Pfarrkinder. Nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus Görkau und aus dem Dekanalbezirk erlag auch das gesamte christliche Leben - katholisch und evangelisch. Besonders nach der Machtübernahme durch die "Kommunisten" (KSČ) 1948, wurden viele Kirchen und Klöster geschlossen und später abgerissen oder zweckentfremdet. Katholische Gottesdienste konnten selbst nach 1968 nur unter Schwierigkeiten gefeiert werden. Erst in den 1970er und 1980er Jahren gab es regelmäßige Gottesdienste in St. Aegidius. Pfarrer Frantisek Tomsik hielt den Kontakt zwischen deutschen und tschechischen Katholiken aufrecht und setzte sich sehr für die Weiterführung der Wallfahrt in Quinau ein. Er wirkte in Görkau und Eidlitz bis zu seinem Tod am 4.2.2005. Heute gibt es in Görkau eine kleine, aber treue kath. Pfarrgemeinde, die durch Pfr. M. Dvoulety zusammengehalten wird und die auch in der Wallfahrtskirche Quinau sehr aktiv ist.
(
Siehe dazu die deutsche Version der tschechischen Internetseiten unter: www.jirkov.farnost.cz oder  http://www.jirkov.farnost.cz/ 
- zu Quinau/Kvetnov: www.kvetnov-quinau.cz


Kirchenschiff St. Aegidius Görkau/Jirkov 2009

Ein bemerkenswertes Bild ist außen an der Ostseite der Kirche erhalten; es war beschädigt und wurde 2014 restauriert. Das Bild zeigt die Darstellung des "Beweinen Christi". Maria, die Mutter Jesu, mit ihrem toten Sohn nach der Kreuzabnahme und Freunde, die um ihn trauern   (siehe auch Fotoalbum der St. Aegidiuskirche oder Rückblicke 2014).

Wandbildrestauriert

Die Unterschrift zu diesem Bild ist sehr aussagekräftig für alle, die das Schicksal der Vertreibung traf. Diese Texte und das Bild können auch für die neuen Bewohner unserer alten Heimatstadt Görkau beachtenswerte Mahnung sein.

"O Ihr alle die Ihr auff den Weg vorüber gehet!
Merket und sehet ob irgend ein Schmertzen seye
gleichwie mein Schmertz?"

(Bibel-AT, Thren - Klgl. 1V. 12)

Anmerkung zur Restaurierung:
Der GFK und das Regionalmuseum Chomutov / Komotau bemühten sich seit geraumer Zeit um eine Restaurierung dieses historischen Wandbildes. 2009 wurde ein erstes Gutachten angefertigt. Trotz der gesicherten Finanzierung mit Spenden des GFK, der Partnerstadt Brand-Erbisdorf, der Stadt Görkau / Jirkov und der kath. Kirche, gab es immer wieder Verzögerungen bei der Restaurierung. Am Allerheiligentag (1. Nov.) 2014 konnte unter  Anwesenheit zahlreicher Bürger der Stadt und einiger Gäste das sehr gut restaurierte Wandbild vom Pfarrer der Stadtkirche gesegnet werden. Damit ist dieses geschichtliche Dokument für die nächste Zeit gesichert. Herzlichen Dank allen Beteiligten!
 

Auf der Nordseite der Kirche, am Kirchplatz, befindet sich eine Säule mit der Statue der Schmerzhaften Muttergottes (Pieta). Sie befand sich früher auf dem Marktplatz. Geschaffen wurde dieses Kunstwerk vom böhmischen Barockbildhauer Johannes Brokoff 1695 und gestiftet von der Görkauer Familie Matheus Seemann zum Gedenken an die Gräuel des 30jährigen Krieges.
2013 wurde zu Ehren von Ferdinand Maximilian Brokoff, dem Sohn des Bildhauers, der ebenfalls ein berühmter Künstler war, anläßlich seines 325jährigen Geburts- und Tauftages sein Bildnis am Kirchturm angebracht.
(siehe Rückblicke 2013)

In Görkau gab es früher zwei weitere Kirchen. Die St. Anna Kirche am alten Friedhof in der Bahnhofstraße gegenüber der Bürgerschule und die evangelische Kirche in der Nähe der Fabrikanlagen Kühne an der Eisenberger Straße (Jezerska). Beide wurden zwischen 1966 und 1984 abgerissen. Mit der Anlage des neuen Friedhofs 1903 an der Straße nach Sadschitz (Zaječice) entstand auch die neue Friedhofskapelle, die gut erhalten ist, gepflegt wird und in der regelmäßig Trauerfeiern abgehalten werden.
                                                                                             
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Fotoalbum der St. Aegidiuskirche Görkau
mit alten und neuen Fotos

Kurzgeschichten und Erzählungen zur Görkauer Dekanalkirche und zum Leben der deutschen Bevölkerung sind in den Sonderheften des GFK veröffentlicht worden.

Hier einige Beispiele (bitte anklicken):

Die letzte Auferstehungsfeier

Glocken und Glockenweihe

Eine Görkauer Predigtgeschichte

Der letzte Dechant von Görkau, Dr. Eduard Buder,
1937-1946

Geschichte der evangelischen Christen in Görkau

St. Petrus mit dem Ofenrohr - Mundartgeschichte

Der verhängnisvolle Maskenzug in Görkau 1588  (siehe unter Rückblicke 2016)

Bericht über die "Tempis-Kapelle" am alten Weg von Komotau nach Görkau (siehe unter Rückblicke 2016)